






7.1 Auswahl der Oberflächenkenngrößen
Aus der großen Zahl von berechenbaren 2D- und 3D-Oberflächenkenngrößen
sollen diejenigen ausgewählt werden, die nach den Überlegungen
aus Kapitel 5 eine Beurteilung der funktionsrelevanten Eigenschaften ermöglichen.
Die Vor und Nachteile vieler Kenngrößen sind noch nicht bekannt.
In diesem Kapitel wird deshalb noch eine relativ große Anzahl von
Kenngrößen ausgewählt, um ihre Eignung vergleichen zu können.
Ziel ist es letztlich, einen möglichst kleinen Satz von Oberflächenkenngrößen
festzulegen, mit dem alle funktionsrelevanten Eigenschaften der Oberfläche
quantifiziert werden können.
Die Standard-Kenngrößen zur Beschreibung der Topografie
von Blechen sind der Mittenrauhwert Ra und die Spitzenzahl PC. Sie stellen
die Referenz für die Beurteilung anderer Kenngrößen dar.
PC kann als Maß für die Feinheit genutzt werden, Leere und Abgeschlossenheit
lassen sich mit diesen Kenngrößen nicht beschreiben.
Abgeschlossenheit
Die Abgeschlossenheit ist, wie in Kapitel 2.5.3 dargestellt, nur über
3D-Messungen erfaßbar. Die Oberflächenkenngröße aclm
(Maximum des geschlossenen Leerflächenanteils) quantifiziert den größtmöglichen
Anteil abgeschlossener Leerflächen, in denen hydrostatisch Druck aufgebaut
werden kann. Sie beschreibt eine Kombination der Eigenschaften Abgeschlossenheit
und Leere und bietet sich zur Beurteilung hydrostatisch wirkender Schmiertaschen
an, für die abgeschlossene und leere Topografien erforderlich sind.
Die Oberflächenkenngröße cclm wird berechnet, um zu überprüfen,
welchen Einfluß die Schnittiefe, bei der das Maximum der geschlossenen
Leerflächenanteile vorliegt, auf das tribologische Verhalten hat.
Das geschlossene Leervolumen Vcl wird ebenfalls ermittelt, da diese Kenngröße
sich in vorangegangenen Untersuchungen zur Beurteilung des erforderlichen
Mindestvolumens als geeignet erwiesen hat.
Leere
Die Leere einer Topografie ist mit Kenngrößen wie dem Profilleeregrad
quantifizierbar. In Kapitel 5.3 wurde festgestellt, daß es erforderlich
sein kann, die Leere über mehrere Kenngrößen genauer zu
beurteilen. Die Rk-Kenngrößen bieten sich dazu an, da sie den
Verlauf der Materialanteilkurve mit drei Geraden annähern und mit
wenigen Kenngrößen abbilden können.
Im folgenden wird erläutert, daß die an einer 2D-Messung
berechnete Materialanteilkurve der an einer 3D-Messung berechneten entspricht.
Für die Auswahl der Kenngrößen ist die Art der Messung
deshalb unerheblich.
Vorausgesetzt werden 2D- und 3D-Messungen, die für die Oberfläche
repräsentativ sind, das heißt, daß sie einen für
die Oberfläche charakteristischen Anteil von Tälern und Spitzen
erfassen. Nicht repräsentativ sind beispielsweise ein zu kurzer Tastschnitt
oder eine zu kleine Meßfläche. Bei deterministischen Blechoberflächen
ist ein Tastschnitt nicht repräsentativ, wenn er die Oberfläche
in einem ungünstigen Winkel schneidet, so daß er überwiegend
durch Täler oder überwiegend über Spitzen verläuft.
Trägt man die Wahrscheinlichkeit, einen Punkt der Oberfläche
in einer bestimmten Schnittiefe vorzufinden über der Schnittiefe auf,
erhält man die Wahrscheinlichkeitsdichtefunktion (DIN ISO 13565-2).
Den gleichen Kurvenverlauf erhält man durch Auftragen der Häufigkeit
der Meßpunkte über der Schnittiefe (Häufigkeitsverteilung
[193]). Die Wahrscheinlichkeit, in einer vorgegebenen Schnittiefe einen
Punkt der Oberfläche vorzufinden und die Häufigkeit der Meßpunkte
in einer Tiefe sind unabhängig von der Art der Messung, das heißt
unabhängig davon, ob die Punkte durch eine 2D-, eine 3D-Messung oder
durch statistisch über der Oberfläche verteilte Meßpunkte
erfaßt wird. Die Häufigkeitsverteilungen einer 2D- und einer
3D-Messung sind deshalb gleich. Die Häufigkeitsverteilung ist die
Ableitung der Materialanteilkurve, weshalb auch die Verläufe der Materialanteilkurve
für beide Flächen gleich sein müssen.
==> Folglich unterscheiden sich die aus den Materialanteilkurven
berechneten Rk-Kenngrößen von 3D- und 2D-Messungen nicht.
Für alle Kenngrößen, die aus der Materialanteilkurve abgeleitet
werden können, sind deshalb keine 3D-Messungen notwendig. Beispiele
für solche Kenngrößen sind in Tabelle 17 aufgeführt.
Tabelle 17: 2D- und 3D-Oberflächenkenngrößen
gleichen Informationsgehalts
Im Rahmen dieser Arbeit werden die Rk-Kenngrößen an 3D-Messungen
berechnet, da sie aufgrund der höheren Meßpunktezahl mit eine
größere statistische Sicherheit bieten und nicht die Gefahr
beinhalten, daß ein für die Oberfläche nicht repräsentativer
Schnitt ausgewertet wird.
Feinheit
Die Feinheit der Topografie wird durch die Spitzenzahl PC quantifiziert.
Die Methode zur Bestimmung dieser Spitzenzahl nach SEP 1940 verwendet feste
Schnittiefen, die über- bzw. unterschritten werden müssen, damit
eine Rauheitserhebung als Spitze gezählt wird. Die festen Schnittiefen
führen zu einer Abhängigkeit der ermittelten Spitzenzahl von
der Höhe der Rauheit. Hinzu kommt, daß in einer 2D-Messung eine
echte Spitzenzählung nicht möglich ist (Kapitel 2.5.3). Die in
[168] vorgeschlagene 3D-Methode zur Spitzenzählung berücksichtigt
nicht, in welcher Tiefe die Spitzen liegen. Diese Spitzenzählmethode
verspricht wenig Erfolg. Die in [175] vorgeschlagene Methode berücksichtigt
die Lage der Spitzen. Zusätzlich zu PC wird deshalb die Anzahl der
Materialflächen (Nma) sowie der offenen (Nvo) und geschlossenen Leerflächen
(Ncl) anhand von 3D-Messungen berechnet.
Zur Beurteilung der Leere und der Feinheit stehen in der Literatur damit
genug erfolgversprechende Kenngrößen zur Verfügung. Die
Kenngrößen zur Quantifizierung der Abgeschlossenheit werden
aus den folgenden Gründen noch ergänzt:
-
Je nach Topografie liegt das Maximum der abgeschlossenen Leerflächenanteile
in unterschiedlichen Durchdringungen (Tiefen) cclm. Die Oberflächenkenngröße
aclm berücksichtigt nicht, ob
die Oberfläche während der Umformung tatsächlich bis
zur Durchdringung cclm einglättet, oder ob nur geringere Durchdringungen
und abgeschlossene Leerflächenanteile erreicht werden. In einen früheren
Forschungsprojekt [77] wurde festgestellt, daß alle dort untersuchten
Bleche bei den Beanspruchungsbedingungen im Streifenziehversuch bis zu
einem charakteristischen Materialanteil von ca. 20% einglätteten.
Neben aclm sind deshalb im folgenden
auch die Leervolumina, Spitzen- und Talzahlen bei festen vorgegebenen
Materialanteilen ama von 1, 2, 5,
10, 20, 30, 40 und 50% berücksichtigt.
-
Liegen Schmiertaschen in unterschiedlichen Schnitttiefen, dann können
hochliegende Schmiertaschen während der Umformung nach unten gedrückt
werden und auch bei starker Einglättung zur Senkung der Reibung beitragen.
Die Oberflächenkenngröße aclm
berücksichtigt die über der Schnitttiefe cclm liegenden Schmiertaschen
nicht (Bild 35).
Bild 35: Einfluß einglättender Schmiertaschen auf
den geschlossenen Leerflächenanteil.
Um die höher liegenden Schmiertaschen mit einzurechnen, wird die
Oberflächenkenngröße aclf
definiert. Sie gibt den Anteil abgeschlossener Leerflächen als Funktion
der Durchdringung einschließlich der höherliegenden Schmiertaschen
an. Die Kenngröße aclf
ist der Maximalwert der Kurve bei einer Durchdringung von 100 %. Die Methode
zur Berechnung ist im Anhang (Kapitel 13.2.1) beschrieben.
-
Die Größe der Meßfläche beeinflußt die Werte
von aclm, Vcl und cclm. Auch wenn
die Ergebnisse für ausreichend große Meßflächen korrelieren,
ist die Methode zur Bestimmung dieser Kenngrößen nicht korrekt,
da sie die am Rand liegenden Leerflächen als offen wertet, auch wenn
sie sich bei größerer Meßfläche als geschlossen erweisen.
Einen mathematisch korrekten Ansatz für dieses Problem bietet die
Perkolationstheorie [194]. Eine hochliegende horizontale Schnittfläche
durch die Topografie schneidet im allgemeinen nur Spitzen, so daß
ein zusammenhängendes Leervolumen berechnet wird. Schmierstoff kann
von einer Seite des Meßrandes zur anderen fließen, die Perkolation
(das Hindurchfließen) ist möglich. In einem tieferen Schnitt
wird so viel Material geschnitten, daß kein zusammenhängendes
Leervolumen mehr vorhanden ist. Schmierstoff kann ab dieser Durchdringung
nicht mehr von einer Seite der Meßfläche zur anderen fließen.
Der Übergang erfolgt plötzlich und bei einer charakteristischen
Durchdringung, die als Perkolationstiefe p bezeichnet wird. Ab dieser Perkolationstiefe
ist das Leervolumen geschlossen. Der Schmierstoff kann seitlich nicht mehr
entweichen so daß bei weiterer Einglättung hydrostatischer Druck
aufgebaut wird. Die Perkolationstiefe ist ein Maß für die Abgeschlossenheit
der Topografie. Zum Anteil der hydrostatisch tragenden Flächen trägt
ab dieser Tiefe die gesamte Leerfläche avo(p)
bei, auch die am Rand der Meßfläche liegenden Leerflächen.
Wie für die Methode zur Bestimmung von aclm
ist auch für diese Methode eine Mindestgröße der Meßfläche
notwendig, sie liegt aber deutlich niedriger. In Kapitel 8 wird überprüft,
ob die Abgeschlossenheit auch mit der Kenngröße avo(p)
anstelle von aclm beurteilt werden
kann. Ist dies der Fall, dann reichen eventuell auch kleinere Meßflächen
zur Beurteilung der Abgeschlossenheit aus.
Die Welligkeit hat einen deutlichen Einfluß auf aclm.
Der Wert von aclm hängt wie
in früheren Untersuchungen des Autors gezeigt [195, 137], deutlicher
von der Filterung ab als andere Kenngrößen. Dieser Effekt wird
am Beispiel von zwei Modelloberflächen veranschaulicht. Bild 36 zeigt
die gleiche Modelloberfläche oben mit "Wellenberg" und unten mit "Wellental".
Bild 36: Einfluß der Welligkeit auf den berechneten Anteil
geschlossener Leerflächen
In der oberen Fläche wird der höchste Wert für aclm
bei einer Schnittiefe knapp unter dem höchsten Punkt der Topografie
berechnet. Der maximale abgeschlossene Leerflächenanteil beträgt
etwa 40%. Im zweiten Fall berührt die Schnittfläche knapp unter
dem höchsten Punkt nur den Rand der Topografie. Die gesamte Leerfläche
im Inneren ist durch den nach oben gewölbten Rand abgeschlossen, so
daß für aclm ein Wert
von 100% berechnet wird.
Dieses Beispiel verdeutlicht, daß auch eine beliebig geringe
Welligkeit den Wert von aclm entscheidend
verfälschen kann und daß die Methode zur Berechnung von aclm
nicht stabil ist. Die in Kapitel 7.4 auszuwählenden Filter dienen
dazu, die Welligkeit so weit wie möglich aus den Meßdaten herauszurechnen.
Für die Beschreibung der geometrischen Eigenschaften der Topografie
werden aufgrund dieser Überlegungen die in Tabelle 18 zusammengefaßten
Kenngrößen ausgewählt. Die Algorithmen zur Berechnung der
neu entwickelten Kenngrößen aclf
und Perkolationstiefe werden im Anhang (Kapitel 13.2) beschrieben.
Tabelle 18: Ausgewählte Oberflächenkenngrößen






