






6.1 Auswahl des Prüfprinzips und der Meßgrößen
In diesem Kapitel wird ein Prüfprinzip ausgewählt, das die meßtechnische
Erfassung der Haft- und Gleitreibung sowie von Stick-Slip-Effekten unter
dem Realprozeß entsprechenden Bedingungen ermöglicht.
Die in Kapitel 2.2 vorgestellten Prinzipien der Kategorien I bis III
erlauben es nicht, einzelne Mechanismen der Topografie unabhängig
voneinander zu beurteilen. Die Prinzipien der Kategorie VI bieten keine
auf den Realprozeß übertragbaren Ergebnisse.
Modellversuche der Kategorie IV an Bauteilen wie rotationssymmetrischen
Näpfen sind zur Untersuchung von Topografien aus zwei Gründen
kritisch.
-
Die meßbaren Kräfte oder Ziehtiefen werden sowohl durch Anteile
aus der Reibung als auch durch Anteile aus der Umformung des Bleches beeinflußt.
Werden verschiedene Bleche mit unterschiedlichen Dressiergraden untersucht,
dann ist nicht zu erkennen, ob die Unterschiede in den Meßdaten aus
geänderten tribologischen Bedingungen oder geänderten Festigkeitswerten
resultieren.
-
Je nach Stelle im Werkzeug wird hohe oder niedrige Reibung benötigt.
Unter dem Niederhalter eines rotationssymmetrischen Napfes soll die Reibung
niedrig sein, damit das Blech ungehindert in die Umformzone einfließen
kann. Am Stempelboden wirkt sich hohe Reibung günstig aus, da sie
die Krafteinleitung vom Stempel in das Blech verbessert. Treten im Napfziehversuch
Reißer auf, dann kann entweder die Reibung unter dem Niederhalter
zu hoch oder am Stempelboden zu niedrig gewesen sein. Modellversuche an
Bauteilen sollten nur dann eingesetzt werden, wenn bekannt ist, daß
das Bauteil entweder nur infolge zu hoher oder nur infolge zu niedriger
Reibung reißt. Versagt es je nach Versuchsbedingungen im einen Fall
wegen zu hoher und im anderen Fall wegen zu niedriger Reibung, dann sind
die Ergebnisse nicht auf andere Bauteile übertragbar [191]. Die Unterscheidung
tribologischer Mechanismen ist damit nicht möglich.
Streifenziehversuche der Kategorie V ermöglichen es, die Reibung für
unterschiedliche Beanspruchungsbedingungen zu ermitteln. Die Wirkung tribologischer
Mechanismen läßt sich in Streifenziehversuchen deshalb besser
untersuchen als an komplexen Realteilen. Die Ergebnisse sind auf verschiedene
Bauteile übertragbar, wenn bekannt ist, ob das Bauteil, für das
eine Topografie ausgewählt werden soll, durch zu hohe oder zu niedrige
Reibung versagt.
Innerhalb der Kategorie V stehen Streifenziehversuche verschiedener
Prinzipien zur Verfügung, deren Vor- und Nachteile umstritten sind.
Im folgenden Kapitel werden deshalb die Ergebnisse der drei am weitesten
verbreiteten Prinzipien miteinander verglichen. Anschließend
wird in Kapitel 6.1.2 untersucht, inwieweit sich die Ergebnisse aus den
Streifenziehversuchen auf das Ziehen von komplexeren Bauteilen übertragen
lassen.






