






3 Zielsetzung und Vorgehensweise
Der Stand der Erkenntnisse (Kapitel 2) zeigt, daß der Topografie
eine große Bedeutung für die Tribologie und damit für den
Fertigungsprozeß Tiefziehen zugemessen wird. Die Möglichkeiten
moderner Texturierungsverfahren können zur Zeit nicht voll genutzt
werden, da nicht bekannt ist, welche geometrischen Eigenschaften der Topografie
das tribologische Verhalten beeinflussen. Zusätzlich wird die Entwicklung
von Blechtopografien erschwert, da Unklarheit über geeignete Kriterien
zur Beurteilung von Topografien besteht. Wie der Stand der Erkenntnisse
zeigt, lassen sowohl die tribologische Prüfung als auch die Vermessung
der Topografie noch viele Fragen offen:
-
Welche Modell-Prüfmethode ist geeignet, die tribologischen Eigenschaften
von Topografien zu beurteilen?
-
Muß ein Prüfprinzip gewählt werden, bei dem der Blechwerkstoff
umgelenkt wird, um die stärkere Einglättung der Topografie bei
plastifiziertem Grundwerkstoff zu berücksichtigen?
-
Welche Meßgrößen bieten auf den Realprozeß übertragbare
Ergebnisse?
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Welche Methoden zur Vermessung der Oberfläche ermöglichen, die
Beurteilung des tribologischen Verhaltens?
-
Welche Oberflächenkenngrößen sind für die Beurteilung
des tribologischen Verhaltens geeignet?
-
In welchem Umfang und wie ist die Wandlung der Oberfläche während
der Umformung bei der Berechnung von Oberflächenkenngrößen
zu berücksichtigen?
Voraussetzung zur Beantwortung dieser Fragen ist ein tieferes Verständnis
der Wirkungsweise der Topografie.
-
Welche tribologischen Mechanismen wirken unter den Beanspruchungsbedingungen
der Blechumformung?
-
Welche Eigenschaften der Topografie unterstützen welche tribologischen
Mechanismen?
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Unter welchen Bedingungen und in welcher Größenordnung können
abgeschlossene Schmiertaschen zur Senkung der Reibung beitragen?
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Unter welchen Bedingungen und in welcher Größenordnung wirken
elasto- und plastohydrodynamische Effekte in der Blechumformung?
-
Wie kann man erklären, daß bei einigen Untersuchungen eine große
Zahl schlanker deutlich einglättender Spitzen und bei anderen ein
möglichst kleiner Feinspitzenbereich als günstig beurteilt wird?
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Welche weiteren tribologischen Mechanismen sind zu berücksichtigen?
Zielsetzung
Ziel dieser Arbeit ist die Definition von Kriterien und Kenngrößen
zur Beurteilung der tribologischen Eigenschaften von Blech-Topografien.
Die Bewertung erfolgt anhand von Modellversuchen und Oberflächenkenngrößen.
Die Kriterien sollen es ermöglichen:
-
die Eignung von Topografien für das Tiefziehen mit einfachen Mitteln
vor der Fertigung vorherzusagen.
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das Potential moderner Texturierungsverfahren besser zu nutzen und tribologischen
Eigenschaften von Blech-Topografien zu optimieren.
-
die Anforderungen an Bleche zwischen Blechhersteller und -verarbeiter eindeutig
zu spezifizieren.
Vorgehensweise
Bild 11: Vorgehensweise zur Auswahl der Kriterien und Kenngrößen
zur Beurteilung der Topografie im Hinblick auf die Reibung bei der Umformung
Beurteilung der Bedeutung der Topografie
Im ersten Schritt werden in Kapitel 4 Firmenbefragungen durchgeführt
und in verschiedenen Projekten durchgeführte Reibversuche ausgewertet.
Die Ergebnisse sollen klären, welches Potential zur Verbesserung des
Umformprozesses die Topografie im Vergleich zu anderen Möglichkeiten
bietet. Um das Potential nicht allein anhand eines in der Übertragbarkeit
eingeschränkten Modellversuchs zu beurteilen, wird durch die Befragung
zusätzlich die Erfahrungen von Experten berücksichtigt.
Entwicklung eines Reibmodells und Ableitung von Anforderungen
an Topografien
Nach der Beurteilung der Bedeutung der Topografie erfolgt in Kapitel
5 die Untersuchung tribologischer Mechanismen, um daraus Modellvorstellungen
über die Wirkungsweise der Topografie zu entwickeln. Es werden Anforderungen
an die geometrischen Eigenschaften einer aus tribologischer Sicht günstigen
Topografie abgeleitet. Die Oberflächenkenngrößen, mit denen
diese als funktionsrelevant beurteilten Eigenschaften quantifizierbar sind,
werden für die Beurteilung der Topografie ausgewählt.
Definition von Begriffen
Die aus dem Reibmodell ermittelten funtionsrelevanten Eigenschaften
der Oberfläche lassen sich mit den üblichen Begriffen und Oberflächenkenngrößen
nur unzureichend beschreiben. Deshalb werden in Kapitel 5.1 neue Begriffe
und in Kapitel 7.1 neue Oberflächenkenngrößen definiert.
Experimentelle Untersuchungen
Um die Modellvorstellungen im Experiment zu überprüfen, sind
zunächst eine geeignete tribologische Prüfmethode (Kapitel 6)
und eine Oberflächen-Meßmethode (Kapitel 7) auszuwählen.
Der Nachweis der Eignung der tribologischen Prüfmethode erfolgt in
Kapitel 6.1 durch verschiedenen Voruntersuchungen.
In Kapitel 8 wird eine Versuchsreihe mit 16 Blechen unterschiedlicher
Topografie durchgeführt, um die Bleche sowohl mit der tribologischen
als auch mit der Oberflächenmeßmethode zu beurteilen.
Die experimentellen Daten werden für vier Arbeitsschritte benötigt:
-
Die aus dem Reibmodell abgeleiteten Anforderungen experimentell zu überprüfen
-
Einige der als funktionsrelevant beurteilen Eigenschaften der Topografie
können mit mehreren Oberflächenkenngrößen beschrieben
werden, die sich nur geringfügig unterscheiden. Welche dieser Kenngrößen
zur Beurteilung besser geeignet sind, läßt sich anhand des Reibmodells
nicht beurteilen. Die experimentellen Ergebnisse sollen klären, welche
dieser Kenngrößen ausgewählt werden sollten.
-
Es wird untersucht, ob Zusammenhänge zwischen Oberflächenkenngrößen
und tribologischen Kenngrößen bestehen, die das Reibmodell nicht
beinhaltet.
-
Es sind keine Methoden bekannt, die es anhand von theoretischen Überlegungen
ermöglichen, die Filterparameter auszuwählen. In Kapitel 8.4
wird deshalb experimentell untersucht, mit welchen Parametern die Meßdaten
zu filtern sind.
Zusammenhänge zwischen Oberflächenkenngrößen
und tribologischen Kenngrößen
Um Zusammenhänge aufzuzeigen, werden die mit verschiedenen Filtern
berechneten Oberflächenkenngrößen in Diagrammen über
den tribologischen Kenngrößen aufgetragen. Werden alle in Kapitel
7.1 ausgewählten 78 Oberflächenkenngrößen mit den
104 Filtern und Filterparametern aus Kapitel 7.4 berechnet und über
den 21 tribologischen Kenngrößen aus Kapitel 6.4 aufgetragen,
dann sind 170.352 Korrelationen zu überprüfen.
Für den ersten Arbeitsschritt, die Überprüfung des Reibmodells,
wäre es ausreichend, einzelne Diagramme gezielt auszuwählen.
Für die Arbeitsschritte 2 bis 4 ist es dagegen erforderlich, alle
Kombinationen zu überprüfen, da nicht bekannt ist, zwischen welchen
Kenngrößen bei welcher Filterung Zusammenhänge vorhanden
sind. Mit rechnerischen Methoden werden deshalb alle Kombinationen von
Oberflächenkenngrößen und tribologischen Kenngrößen
hinsichtlich linearer Zusammenhänge überprüft.
Um die Anzahl der im Rahmen dieser Arbeit darzustellenden Korrelationen
einzuschränken, werden in Kapitel 8.1 zunächst Zusammenhänge
zwischen Oberflächenkenngrößen untersucht. Von jeweils
zwei Kenngrößen, zwischen denen hohe lineare Korrelationskoeffizienten
berechnet werden, kann eine durch die andere ersetzt werden. Von diesen
Kenngrößen ist jeweils nur eine erforderlich, und die Anzahl
der Kenngrößen läßt sich reduzieren.
In Kapitel 8.2 wird das gleiche Vorgehen angewendet, um die Anzahl
der zu berücksichtigenden tribologischen Kenngrößen zu
reduzieren.
Auch nach der Reduzierung der Anzahl der Kenngrößen verbleiben
noch 19.968 Korrelationen. Um alle Kombinationsmöglichkeiten berücksichtigen
zu können, sind in Kapitel 8.3 nur die linearen Zusammenhänge
untersucht. Die Kombinationen von Oberflächenkenngrößen
und tribologischen Kenngrößen, zwischen denen ein auffällig
hohes Bestimmtheitsmaß R² besteht, werden in Diagrammform dargestellt
und erörtert. Da verschiedene tribologische Mechanismen gleichzeitig
wirken können, bestehen für einige Kombinationen von Kenngrößen
komplexere Zusammenhänge, die vom Bestimmtheitsmaß R² nicht
erfaßt sind. In Kapitel 8.3.2 werden deshalb zusätzliche Diagramme
ausgewählt und diskutiert.
Überprüfung des Reibmodells
In Kapitel 9 wird überprüft, inwieweit die aus dem Reibmodell
abgeleiteten Anforderungen an die Topografie mit den Versuchsergebnissen
übereinstimmen.
Auswahl der Kriterien und Kenngrößen
In Kapitel 10 werden die Kriterien und Kenngrößen ausgewählt,
deren Bedeutung für die Reibung sowohl durch das Modell erklärbar
als auch im Versuch nachweisbar ist. Diese Kenngrößen werden
abschließend zur Beurteilung von Blechoberflächen im Hinblick
auf die Reibung bei der Umformung empfohlen.






